Fachtagung, Gastfreundschaft und Gaudís Testament im Original
Vom 24. bis 26. September 2026 war das Forum Deutscher Rechts- und Notarfachwirte e.V. in Barcelona zu Gast. Auf dem Programm standen ein vielseitiger Fachtag in der Notarkammer, ein herzlicher Empfang durch das Colegio Notarial de Cataluña mit einzigartigen Einblicken in historische Originalurkunden und eine Stadtführung mitten in den Feierlichkeiten der Mercè, des Festes zu Ehren von Barcelonas Schutzpatronin.
Anreise mit Hindernissen und ein herzlicher Auftakt
Da alle Teilnehmenden individuell anreisten, hatte jeder schon bei der Ankunft eine eigene kleine Abenteuergeschichte im Gepäck: Bahnverspätungen auf dem Weg zum Flughafen, ungeplante Autopannen, Flugverzögerungen und ein Navigationsgerät, das auf den letzten Metern die Welt kurzerhand auf den Kopf stellte. Doch Ende gut, alles gut.
Am Donnerstagabend fanden sich alle – mehr oder weniger pünktlich – im Restaurant Galicia in der Gran Via de les Corts Catalanes ein. Das Restaurantteam empfing uns mit großer Herzlichkeit, und von feinen Vorspeisen über köstliche Hauptgänge bis zu süßen Nachspeisen kamen immer neue kulinarische Besonderheiten auf den Tisch. In bester Gesellschaft spanischer und deutscher Notare, Professoren und weiterer geladener Gäste wurde von 20:00 bis 23:00 Uhr gegessen, gelacht und fleißig genetzwerkt.
Fachprogramm in der Notarkammer
Am Freitagmorgen traf deutsche Pünktlichkeit auf spanische Gelassenheit: Beim offiziellen Beginn um 10:00 Uhr zeigten sich Frühstarter, Genießer beim Kaffeeplausch und Anhänger des akademischen Viertels.
Das erste Lernziel der Reise war damit schnell erreicht: „Pünktlichkeit ist die Kunst, zu entscheiden, ob man nach der Uhrzeit oder nach dem Bauchgefühl geht.“
Uns erwartete in der Notarkammer sodann ein vielseitiges Fachprogramm für Mitarbeitende aus Kanzleien und Notariaten. Schon beim Ankommen war alles für uns vorbereitet: ein Seminarraum mit Technik, Blöcken, Stiften und Wasser auf eigenen Untersetzern der Kammer. Notar Roland Krause und Vorstandsmitglied Sabine Vetter eröffneten den Tag.
- Thomas Reiche (Businesstrainer und Coach) zeigte, wie Talente typgerecht gefunden, gebunden und entwickelt werden – denn Menschen sind verschieden, und genau darin liegen große Chancen.
- Doris Reiche (Geschäftsführerin RA Micro Nord) führte in die IT-Sicherheit ein und regte dazu an, Passwörter, Cyberversicherung und Schulungsintervalle kritisch zu prüfen.
- Corinna Fischer und Conrad Pollack (beide Actaport) stellten vor, was KI-Automatisierung im Kanzleialltag leisten kann – etwa bei einem eingehenden spanischen Vertrag: Sprache erkennen, übersetzen und automatisch einen Unterordner anlegen.
- Dr. Helmut Grothe (FU Berlin) vermittelte mit viel Humor verständlich und praxisnah die Grundlagen des Internationalen Privatrechts – von Cookie-Bannern und Onlinebestellungen bis zur Ehe mit einem Doppelstaatler. Zur Anschauung durften zwei Teilnehmende probeweise „heiraten“.
- Alba Ródenas-Borràs (Rechtsanwältin und Lehrbeauftragte an der Universitat de Barcelona) ergänzte typische Fälle und Fallstricke aus der Praxis.
- Roland Krause (Rechtsanwalt und Notar in Berlin sowie Abogado, Barcelona) berichtete über Vollmachten für Spanien, die Apostille und notarielle Urkunden im europäischen Ausland – samt Hürden bei Behörden und Banken.
Zum Mittagessen ging es ins Restaurant En Ville. Der Tisch war nicht nur reserviert – das Restaurant wusste bereits, dass die Rechnung an die Kammer gehen sollte. Wir waren eingeladen! Bei gutem Essen setzte sich der fachliche Austausch mühelos fort.
Höhepunkt: Empfang beim Colegio Notarial de Cataluña
Am Nachmittag folgte der Höhepunkt der Reise: Der Dekan der Notarkammer von Barcelona, José Alberto Marín, empfing uns persönlich und ließ es sich nicht nehmen, uns selbst durch „seine“ Räume zu führen. Seine Freude war in jeder Minute spürbar. Wir gingen vier Stockwerke in den Keller und besichtigten die Apostillenabteilung und das Urkundenarchiv.
Sandra Purroy Corbella und ihr Team hatten eigens für uns besondere Originale von Urkunden aus dem Archiv hochholen lassen und jedes mit einer Kurzbeschreibung versehen auf einem langen Tisch platziert. Wir durften Dokumente sehen – und sogar anfassen –, die man sonst nie in den Händen hält: das Testament von Antoni Gaudí, den Kaufvertrag über das Grundstück der Sagrada Família, den Plan des Park Güell mit Gaudís Originalunterschrift sowie die am 15. Juni 2026 vom Papst unterzeichnete Urkunde zur Vollendung der Sagrada Família. Notariat, Papst und Wahrzeichen in einem Dokument – das erlebt man nicht alle Tage.
Angel Serrano bereicherte den Besuch mit Berichten aus der Praxis.
Wir erhielten einen kleinen Einblick, wie schnell und unkompliziert manche Abläufe funktionieren. Als Beispiel durfte der Vulkanausbruch auf den Kanaren herhalten. Mit einem zwei-/dreizeiligen Erlass wurde die Notarkammer berechtigt, ein Siegel „zu erstellen“, mit dem sie den Opfern der Katastrophe Urkunden über ihren Besitz ausstellen konnten. Da ja alles unter meterdicker Asche begraben war und z. B. Grundstücksgrenzen nicht mehr erkennbar waren, konnten die Betroffenen diese Urkunden bei ihren Versicherungen zwecks Schadensausgleich vorlegen. Dies wäre in Deutschland undenkbar!
Unser Mitglied Notarfachwirtin Dagmar Hartog war hiervon so begeistert, dass sie gleich einen Spanier heiraten wollte, um dort arbeiten zu können. In diesem Zusammenhang erfuhren wir übrigens auch, dass Notare in Katalonien sogar Ehen feststellen dürfen, also Hochzeiten durchführen.
Die Notarkammer geht mit der Zeit: In dem in den 90er Jahren ergänzten Anbau des historischen Gebäudes befindet sich ein kleines Studio, in welchem alle 14 Tage Aufzeichnungen zu fortbildungsrelevanten, aber auch anderen aktuellen Themen stattfinden, welche bei youtube hochgeladen werden. Es sind bereits über 140 Folgen online, zu finden auf ihrem You Tube Kanal
Am Abend genossen unsere Mitglieder, je nach Lust und Laune, entweder die Feierlichkeiten der Mercè oder die Sagrada Família bei Nacht. Zweites Lernziel erreicht: „Ein dichtes Fachprogramm verarbeitet sich besonders gut, wenn am Ende Musik, Begegnungen und spanische Lebensfreude warten.“
Barcelona entdecken: Stadtführung am Samstag
Am Samstag, dem 26. September 2026, stand Barcelona selbst auf dem Programm. An der Plaça de Catalunya erwartete uns Manuel Cid, der die Stadt und ihre Geschichte wie seine Westentasche kennt. Gemeinsam mit Notar Roland Krause führte er uns durch enge Gassen und verwinkelte Hinterhöfe – an Orte, die man als Besucher allein kaum gefunden hätte. Unterwegs gerieten wir immer wieder mitten in die Festivitäten der Mercè.
Einen ruhigen Gegenpol bildete die Basilika Santa Maria del Mar: Nach dem beeindruckenden Innenraum ging es die Stufen hinauf, belohnt mit einem fantastischen Blick über die Dächer der Stadt. Auf einer Dachterrasse am Hafen ließen wir die Eindrücke bei Tapas, Wein oder Bier und Blick über das Wasser auf uns wirken.
Drittes Lernziel erreicht: „Geschichte schmeckt am besten mit Tapas und Hafenblick.“
Danach erkundete jeder Barcelona auf eigene Faust – beim Bummel durch die Altstadt, zwischen Musik und Umzügen oder bei einem Café con leche am Straßenrand oder im Strandcafé. Am Abend trafen wir uns in einer Cocktailbar wieder und ließen die Reise auf der Plaça Reial zwischen Palmen und Laternen ausklingen. Hier endete nicht nur der Tag, sondern auch unsere Tagung mit dem Wunsch, eine solche Reise zu wiederholen.
Ist unser Berufsstand wirklich so seltsam?
Das Testament von Antoni Gaudí im Original zu lesen und es mit eigenen Händen zu berühren – dieser Moment hat alle Mitreisenden gleichermaßen fasziniert. Zurück zu Hause zeigte sich beim Erzählen allerdings ein interessantes Bild: Während Kolleginnen und Kollegen Gänsehaut bekamen, fragten Nichtjuristen ernsthaft, was daran so besonders sei und ob es wirklich Freude mache, Testamente von Fremden zu lesen.
Bewegt hat uns jedoch nicht nur die Begegnung mit den historischen Dokumenten, sondern vor allem die Herzlichkeit, mit der wir empfangen wurden. Wie viel Zeit und Sorgfalt in die Vorbereitung unserer Tage in Barcelona geflossen ist, konnte man nicht nur sehen – man konnte es spüren.
Ist unser Berufsstand also wirklich so seltsam? Vielleicht. Aber wer einmal Gaudís Testament im Original in den Händen gehalten hat, versteht, warum diese Tage in Barcelona allen Teilnehmenden lange in Erinnerung bleiben werden.
Herzlichen Dank
Unser besonderer Dank gilt dem Colegio Notarial de Cataluña, Dekan José Alberto Marín, Sandra Purroy Corbella und ihrem Team für die unvergessliche Gastfreundschaft, Angel Serrano für die Einblicke in die Praxis sowie Javier Serrano Copete und Alba Ródenas-Borràs für ihre Zeit und ihr Engagement. Herzlich danken wir außerdem Notar Roland Krause, der diese besonderen Momente möglich gemacht hat, Manuel Cid für die Stadtführung und allen Referentinnen und Referenten des Fachtags.
Wer jetzt gern dabei gewesen wäre, sollte sich die nächste Gelegenheit nicht entgehen lassen. Diese Reise hat gezeigt: Fortbildung kann klug, herzlich und unterhaltsam sein – und gemeinsam macht sie doppelt Lust auf mehr.

